Urban Mining, Interview 11.12.2025 Projekt auf: https://dontwastemy.energy/2026/01/05/urban-mining-the-city-as-a-mine https://dontwastemy.energy (student projects) https://the-horse.eductaion (The Horse education associationI Jack Richardot (Interviewer, ZH, CH) Daniel Locher (Interviewpartner, AWEL, ZH, CH) Definition von Urban Mining Jack Richardot: Wie würdest du Urban Mining mit deinen eigenen Worten definieren? Daniel Locher: Mit dem Begriff Urban Mining verstehen wir, dass wir im urbanen Umfeld nach Rohstoffen suchen und diese zurückgewinnen, also zurückholen und wieder in den Kreislauf bringen. Zum Beispiel: Wenn wir ein Haus zurückbauen, können wir viele seiner Bestandteile wieder nutzen. Der Unterschied zum klassischen Mining ist, dass dort Rohstoffe direkt aus der Natur gewonnen werden. Und im Vergleich zum Recycling ist Urban Mining gesamtheitlicher gedacht. Recycling bezieht sich oft auf einzelne Fraktionen – etwa Dosen –, die gesammelt und wiederverwertet werden. Urban Mining hingegen betrachtet den gesamten urbanen Raum als Rohstofflager, nicht nur einzelne Materialien. Häufig gewonnene Materialien Jack Richardot: Welche Materialien oder Ressourcen werden am häufigsten durch Urban Mining gewonnen? Daniel Locher: Von den Mengen her sind Baumaterialien die größte Fraktion, also Ziegel, Beton und ähnliche Stoffe. Beim Rückbau oder Umbau von Gebäuden fallen sehr große Mengen an. In der Schweiz werden diese Materialien heute bereits zu einem großen Teil wiederverwendet. Beton wird beispielsweise gebrochen und wieder zu neuem Beton verarbeitet, Ziegel können ebenfalls wieder eingebracht werden. Sehr wichtig sind auch Metalle, die wir etwa aus Kehrichtverbrennungsanlagen-Schlacken oder aus Elektroschrott zurückgewinnen. Mithilfe moderner Sortiertechnik lassen sich Metalle wie Kupfer herausholen und erneut nutzen. Jack Richardot: Könntest du den Punkt mit den Metallen noch einmal erklären? Ich habe dich kurz verloren. Daniel Locher: Mengenmäßig sind Metalle deutlich weniger als mineralische Baustoffe, aber der Umweltnutzen ist sehr groß. Um Metalle wie Kupfer neu zu gewinnen, braucht es Minen – oft in Ländern mit problematischen Umwelt- und Sozialstandards. Teilweise müssen ganze Berge abgetragen werden. Wenn wir Kupfer aus Abfällen zurückgewinnen, erzielen wir einen enormen Umweltnutzen. Es handelt sich zwar um kleinere Mengen, aber mit großer Wirkung. Führende Länder und Firmen Jack Richardot: Welche Länder oder Regionen sind im Urban Mining führend? Daniel Locher: Eine globale Übersicht habe ich ehrlich gesagt nicht. Sicher ist, dass in der EU und in der Schweiz viel gemacht wird. Japan hört man auch häufig, insbesondere im Metallbereich. Aber eine detaillierte Rangliste kann ich nicht liefern, und ich weiß auch nicht, wie gut das international überhaupt erfasst wird. Jack Richardot: Welche Firmen sind im Urban Mining besonders erfolgreich? Daniel Locher: Ich kann hier nur für die Schweiz sprechen. Für große Materialmengen sind es oft Baufirmen, die Gebäuderückbau und Recycling anbieten. Viele große Bauunternehmen haben das inzwischen integriert. Daneben gibt es spezialisierte Firmen für Elektroschrott. Wenn man ein altes Handy im Geschäft oder bei einer Sammelstelle abgibt, landet es bei solchen Unternehmen. Diese trennen die Geräte möglichst effizient und gewinnen wertvolle Materialien zurück. Ein weiterer Bereich sind Schlackenaufbereitungsanlagen. Wenn Geräte fälschlicherweise im Hauskehricht landen, verbrennt der Kunststoff, aber die Metalle bleiben erhalten und können aus der Schlacke zurückgewonnen werden. Sicherheit und Umweltaspekte Jack Richardot: Ist das nicht gefährlich, etwa wegen Lithium-Batterien? Daniel Locher: Ja, das ist ein Problem. Brände kommen in solchen Anlagen relativ häufig vor. Dort, wo man weiß, dass Batterien vorhanden sind, kann man damit umgehen. Kritisch wird es dort, wo Batterien unbemerkt hineingeraten. Insgesamt hat man aber Strategien entwickelt, um das Risiko zu managen. Umweltwirkung von Urban Mining Jack Richardot: Wie trägt Urban Mining konkret zur Verringerung der Umweltbelastung bei? Daniel Locher: Es gibt zwei Hauptwirkungen. Die wichtigste ist der sogenannte Substitutionseffekt: Wenn wir ein Kilogramm Kupfer aus Abfall zurückgewinnen, müssen wir dieses Kilogramm nicht aus einem Berg abbauen. Das vermeidet massive Eingriffe in die Natur. Der zweite Effekt ist kleiner, aber ebenfalls relevant: Wenn wir Materialien nicht zurückgewinnen, landen sie als Abfall auf Deponien. Das braucht Platz, belastet die Landschaft und kann zu Schadstoffeinträgen führen – etwa wenn Metalle ausgewaschen werden. Durch Urban Mining verhindern wir das. Grenzen und Zukunft Jack Richardot: Wie groß ist der Effekt insgesamt? Reicht Urban Mining aus? Daniel Locher: Der Effekt ist da, aber wir brauchen weltweit immer mehr Rohstoffe. Bevölkerungswachstum, mehr Geräte, mehr Fahrzeuge und der Übergang zur Elektromobilität erhöhen den Bedarf zusätzlich. Urban Mining ist extrem wichtig, aber es wird den Rohstoffbedarf nicht vollständig ersetzen können. Jack Richardot: Wie können wir den Umgang mit gesammelten Materialien verbessern? Daniel Locher: Transparenz ist zentral. Firmen sollten offenlegen, was sie annehmen, verarbeiten und weitergeben – idealerweise international nachvollziehbar. In der Schweiz funktioniert das relativ gut, im Ausland wird es schwieriger. Ohne Transparenz besteht die Gefahr, dass Materialien am Ende schlecht behandelt oder sogar illegal entsorgt werden. Rolle von Staat, Wirtschaft und Privatpersonen Jack Richardot: Welche Rolle sollten Regierungen im Vergleich zur Privatwirtschaft spielen? Daniel Locher: Der Staat sollte gezielt fördern und kontrollieren, vor allem bei Transparenz und Standards, gleichzeitig aber Innovation zulassen. Unternehmen sollten innovative Geschäftsmodelle entwickeln, damit sie wirtschaftlich erfolgreich sind und gleichzeitig Umweltvorteile erzielen. Jack Richardot: Was können Privatpersonen konkret tun? Daniel Locher: Das Wichtigste ist richtige Entsorgung: Handys und Batterien gehören in Sammelstellen, nicht in den Hauskehricht. Noch besser ist es, funktionierende Geräte weiterzuverwenden oder weiterzuverkaufen. Gerade Elektronik ist sehr rohstoffintensiv. Internationale Perspektive Jack Richardot: Wo könnte die Schweiz international den größten Unterschied machen? Daniel Locher: Abfallprobleme sind vor allem in ärmeren Ländern groß, wo Ressourcen fehlen. Maßnahmen müssen langfristig funktionieren und lokal verankert sein. Ein Ansatz wäre zum Beispiel, den Export von Alttextilien besser zu steuern, damit sie nicht in Länder gelangen, die damit nicht umgehen können. Erfolgreiches Projekt Jack Richardot: Kennst du ein konkretes erfolgreiches Urban-Mining-Projekt? Daniel Locher: Ja, die Metallrückgewinnung aus Schlacken von Kehrichtverbrennungsanlagen im Kanton Zürich. Dort wird seit Jahren systematisch daran gearbeitet, möglichst viele Metalle zurückzugewinnen. Das Projekt ist sehr weit entwickelt und erfolgreich, auch wissenschaftlich begleitet durch Messkampagnen. Ausblick Jack Richardot: Wie wird sich Urban Mining in den nächsten 10 bis 20 Jahren entwickeln? Daniel Locher: Der Trend geht klar Richtung Kreislaufwirtschaft. Materialien sollen möglichst lange genutzt, repariert und weiterverwendet werden, bevor sie recycelt werden. Metalle lassen sich theoretisch unendlich oft recyceln, etwa Aluminium. In Zukunft werden besonders Batterien und Solarmodule wichtig. Zudem sollten Gebäude verstärkt mit Materialien gebaut werden, die wiederverwendbar sind – idealerweise modular, fast wie Legosteine. Das ist dann zwar eher Kreislaufwirtschaft als klassisches Urban Mining, aber die Konzepte hängen eng zusammen. Abschluss Jack Richardot: Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch. Daniel Locher: Gern geschehen. Jack Richardot: Hast du noch Fragen? Daniel Locher: Nein, für mich ist alles gut.